Der Zug zischt vorbei. Wobei aus 30 Zentimetern Entfernung ein Zug niemals zischt, sondern dröhnt, berstet, um sich schlägt. Er liegt zwischen Zug und Wand, hat den Kopf schützend zwischen den Schultern, die Beine angezogen, er hält den Oberkörper geduckt und kommt, während die Gleise noch vibrieren, wieder hinter dem Betonfuß des Streckensignals hervor. Die Wand erholt sich langsam, das Licht schaltet wieder auf rot, Schneewehen, der Atem geht tief. Er ist fertig. Hat zusammengepackt, betrachtet das Schimmern auf der Wand vom leicht erhöhten Schienenstrang aus, die Stadt schräg rechts im Blick. Er nimmt seine Tasche, geht lautlos über die Schwellen, eine ist zu kurz, zwei sind zu lang für einen normalen Schritt. Also trippelt er, weil er nicht rennen will. Auf der anderen Seite der Lärmschutzwand fängt bald der Ort an. Kies knirscht, dann die Straße. Schon oft ist er diesen Weg entlang gegangen und das immer der selben Linie folgend, mitten auf der Straße, damit die Bewegungsmelder der Häuser rechts und links nicht angehen. Manchmal gehen beide an. Dann ist er zurück am Auto.
Es ist: eine von so vielen Nächten. Der Titel seiner Jugend. Es ist: die ersten Male einfach darauf los laufen und mit Freunden, die schon lange keine mehr sind, erste Autobahnbrücken bemalen. Es ist: vor Adrenalin zitternd am ersten Zug stehen. Es ist nach einer Stunde Fahrt durch Dörfer, Dunkel, Berge einen Zug vor einem Felsen malen hoch über der Stadt und wieder nur ein Nachtfoto bekommen. Oder im Ausland über hunderte Kilometer ein halbes dutzend Abstellanlagen abfahren, nur um am nächsten Mittag völlig erschöpft einen Unfall zu bauen und gerade noch mögliches Beweismaterial zu beseitigen. Es sind: so viele Nächte. Ein Doppelleben kann auch zwei halbe sein, und wenn eines wegfällt, bleibt kein ganzes mehr über. Und was zählt das Erlebte, die Geschichte, wenn man beim Aufwachen in einer Welt ist, in der nur diese Geschichte an das Erlebte erinnert und alles, alles anders ist? Wenn die Entfernung alle Finger abrutschen lässt? Wenn alle einzelnen Erinnerungen, Bruchstücke, auch und gerade weil es so viele sind, ein Ganzes so unwahrscheinlich machen, dass sie nicht nur dieses Ganze, sondern auch sich selbst so unwahrscheinlich machen? Wenn einem nur noch das Jetzt bleibt, aber man aus nichts als Vergangenem besteht? Wenn alles Neue an Altem, oder noch viel schlimmer: am Fehlen dieses Alten gemessen wird? Wenn alle Bilder ihn zerreißen, weil er sie nicht zusammenhalten kann, aber auch keines aufzugeben vermag?
Zehn Jahre. Zehn Jahre lang Schienen entlanggehen, mit dem Auto durch die Nacht fahren, in Orte, die ihm teils vertrauter sind als die Umgebung seiner Wohnung, die er aber nicht bei Tag kennt. Zehn Jahre lang Handschuhe tragen, Dosensets zusammenstellen, zehn Jahre lang die Schuhe nochmal fest binden (Wichtig! Immer die Schuhe nochmal fest binden!) und das Auto passend abstellen. Zehn Jahre lang von der Straße verschwinden, vom Gebüsch und Grundrauschen verschluckt werden. Zehn Jahre lang vermummt, wach, kalt an den Augen. Zehn Jahre sich bedeckt halten, und vor allem: zehn Jahre sich nicht erwischen lassen. So vieles aus diesen zehn Jahren ist schon verloren, dass er sich manchmal wundert, selbst noch da zu sein. Und in zehn Jahren oder noch einmal zehn oder hundert Jahren wird alles, wird er vergessen sein, geputzt, abgerissen, neugebaut. Zerstört und weggeweht wird alles sein, was er die letzten Jahre geschrieben und gemalt und gemacht hat, so wie es jetzt bereits weg ist, weggeweht, größtenteils übermalt, abgerissen, verwittert. Und seine Schritte werden noch hallen, doch nur für ihn, wenn er die immer gleichen Wege geht in der Hoffnung, es seien die selben und als sei das noch da, wofür man – das sind Leute, die er nie kennen wird oder denen er sich nie zu erkennen geben wird – ihn kennt. Denn ihn kennt man gar nicht, nur Spuren, Schatten von Schritten, die er sorgsam hinter sich herzieht, um die Spuren im eigentlichen Sinne doch stets zu verwischen. Kein Täterprofil darf möglich sein, keine spezielle geographische Verteilung der Spuren darf erkennbar sein, geschweige denn Rückschlüsse auf ihn zulassen. In gründlicher Routine muss er sich verneinen, je größer und aufdringlicher die gesetzten Zeichen werden, desto kleiner, zur Unkenntlichkeit zerrieben muss er sein. Je größer das Ich, desto größer auch das Nichts, das ihn umgibt und schützt. Tief nach innen muss alles gebracht werden, was ihm gefährlich werden kann.
Er kauft Mobiltelefone in kleinen Import-Export-Läden. Sie müssen gebraucht, das heißt eventuell auf einen anderen Namen gekauft sein und sollten möglichst nichts können als mit Anrufen und Textnachrichten umgehen, auf keinen Fall Fotos machen oder gar über einen Bildschirm verfügen, den man direkt durch Fingerdruck betätigen kann. Aber sie brauchen eine kleine runde Buchse zum Anschließen einer Freisprecheinrichtung, das heißt eines Kabels mit zwei Ohrstöpseln und einem kleinen Mikrofon. Auch Karten zum Telefonieren hat er stets vorrätig, er aktiviert sie entweder über Telefon (meist spielt er einem der Verkäufer vor, dass das Aktivieren nicht funktioniere und ob er daher von einem der ausliegenden Telefone anrufen könne) oder über eine sichere oder öffentliche Internetverbindung. Manchmal hängt an der Aktivierung einer solchen Karte für die Sicherheit bei einer später zu begehenden Straftat der Diebstahl einer Schirmkappe oder einer Sonnenbrille, um im allermeist kamerakontrollierten Internetcafé unerkannt zu bleiben, wenn denn die später tatsächlich begangene Straftat, die, für die diese Maßnahmen notwendig werden, auf eben diese Maßnahmen hin rückverfolgt werden. Alles im Falle, dass… Das Malen verursacht eine solche Anstrengung, um es zu schützen, dass er manchmal beim Malen selbst unvorsichtig wird, einfach, weil es der einzige Moment ist, an dem loslassen und sich entspannen möglich sind. Natürlich sind auch noch unmittelbar vorher präzise (doch Routine gewordene) Vorbereitungen nötig, doch in dem Moment, in dem er vor dem Zug oder an der Wand oder wo auch immer steht, nachdem er sich durch Wohnviertel, Gebüsche, Zäune, Bahnstrecken zu genau diesen Quadratmetern hinbegeben hat, kann er endlich ausatmen. Mitunter verläuft nur wenige Zentimeter hinter ihm die nicht zu durchschreitende Linie eines Bewegungsmelders oder befinden sich eigens geschulte Beobachtungs- und Festnahmeeinheiten in für Laien beunruhigender Nähe. Welcher Ort, wenn nicht dieser, könnte für ihn in diesem Moment der sicherste der Welt sein?
Und doch ist jeder einzelne Moment entscheidend, kann es das eine entscheidende Mal sein. Das, an dem es schief geht, an dem alles zusammenstürzt, an dem er doch aus Versehen und ohne es zu merken den Bewegungsmelder auslöst oder er es nicht schafft, noch rechtzeitig ins nächste Wohnviertel zu gelangen, bevor die größeren, die Viertel voneinander trennenden Straßen abgeriegelt werden. Und dieses entscheidende eine Mal ist immer dabei, jedes Mal ist dieses entscheidende eine Mal dabei, damit es dieses entscheidende eine Mal eben nicht wird. Bei jedem einzelnen Strich, jedem kleinen Schriftzug im Nirgendwo genauso wie bei jedem von oben bis unten nicht unerheblich veränderten Zugabteil ist das Erwischtwerden schon dabei. Und auch in den Stunden davor und danach, an jedem Tag begleitet ihn dieses Erwischtwerden. Eigentlich ist dieses Erwischtwerden das einzige, das sich wirklich durch diese zehn Jahre zieht. Wenn ihn jemand fragte, was er tut und er offen antworten könnte, würde er nicht antworten: ich male, sondern: ich werde nicht erwischt. Alles an ihm und in ihm ist auf das stete Nicht-Erwischtwerden ausgerichtet. Sein Leben ist eine Kette von Situationen, sich nicht erwischen zu lassen. Ständig und überall muss er darauf vorbereitet sein, von den Ermittlungsbehörden mit der Zuschreibung einer Zahl strafrechtlich relevanter Taten konfrontiert zu werden. Ob er zum Familienessen nach Hause fährt oder in die Dusche steigt: Nichts darf an den Orten, die unter Paragraph Soundso der Strafprozessordnung fallen, auffindbar sein, jederzeit können die Ermittlungsbehörden an der Tür klopfen. Im Kopf läuft dieses unvermittelte Auftauchen immer mit. Und es ist immer ein Gerade jetzt:
Gerade jetzt musste er geschnappt werden. Gerade in diesem Moment. Automatisch ergeben sich besonders bedeutungsschwere Konstellationen zwischen dem Eigentlich und dem Stattdessen. Die dramatische Musik will schon ansetzen, links im Bild läuft das, wogegen er sich entschieden hat, um das strafrechtlich Relevante zu tun und rechts wird er gerade festgenommen oder ist es bereits. Und hätte er nur! Links, die Familie, erfährt davon, legt die Hände vors Gesicht. Er, rechts, beißt sich unter gepressten Lippen auf die Zunge. Klarer kann es gar nicht sein, der Fehler, die Schuld, wo er eigentlich hätte sein sollen und wo er stattdessen war. Von sich weg halten ihn die Beamten den Eltern hin, als ob sie zu prüfen hätten, ob das auch wirklich ihr Sohn sei. Ein bestimmter Geruch muss von ihm ausgehen, den jetzt alle bemerken. Nach nassen Haaren riecht er, das Abwenden der Eltern wird als Akt der Frömmigkeit gedeutet. Nachdem er gefasst ist, läuft alles in Zeitlupe ab. Auch das muss seine Schuld sein. Strafe ist es allemal. Auch sich selbst scheinen die Eltern mit dieser Langsamkeit zu bestrafen. Bloß keine Erschütterung verursachen. Noch dröhnen die Ohren, ganz sachte muss gehandelt werden, jede Bewegung kostet mehrfach Kraft. Mit ihm reden werden sie nicht mehr und auch miteinander hat er sie schon lange keine Worte mehr wechseln hören.
Und je mehr und je länger er hofft, dass es nicht passieren wird und je besser und sicherer er seine Leben zu trennen vermag und je seltener er sich bei Fehlern ertappt, desto mehr beschleicht ihn der wahre Horror: das es nie, nie enden wird und er nie, nie erwischt werden wird. Dass sein Bemühen, sich von allem zu entfernen, alle Tattoos abzuwaschen und sein Gesicht in der Masse verschwinden zu lassen, dass ihn das alles, dass er sich selbst nur verkrüppelt zurücklässt und der Zaun, den er um sich gebaut hat zwar hoch und schön ist, er aber schon lange keine Nachbarn mehr hat. Und dann hofft er manchmal, dass es passieren wird, dass alles in sich zusammenfällt, dass er geschnappt wird und sich alle auf ihn stürzen und ihn in einen großen, hohen Raum zerren. Und dann würde er schweigen, schweigen wird er. Die Lippen verschwinden lassen, die Zunge verschlucken. Die Augen suchen den Raum ab nach der einen Person, die alles entkräftet, die alles richtig stellt. Doch sie finden nur malmende Mäuler, vor Ereiferung geifernde Fratzen, heraustretende Augen. Mit überstreckten Fingern zeigen sie auf ihn, als könne nur jeder Einzelne für sich das ganze Ausmaß seiner, meiner Schuld erfassen und als sei es seine, also eines Jeden der Anwesenden dringlichste und alleinige Aufgabe, allen anderen Anwesenden schnellstmöglich, zweifelsfrei und lückenlos darüber zu berichten. Daher schreit alles durcheinander, selbst die Ältesten unter den Anwesenden mischen hinein. Dass keiner die eigene Stimme versteht, kann durchaus erwünscht sein. Sicher ist die Akustik des Raums im Hinblick darauf angelegt. Überhaupt: Rund müsste der Raum sein und drehen würde er sich, gegeneinander drehen würden sich der mittlere Kreis mit seinem Stuhl und, durchaus mit ein wenig Abstand zu diesem Stuhl, der äußere Ring, dieser Trichter, diese Arena. Jede Reihe bräuchte ihre eigene Brüstung zum Darüberlehnen, holzvertäfelt müsste das alles sein. Am besten teuer. Und er: Sitzt nur, die Beine im rechten Winkel, die Handflächen nach unten. Nimmt alles an, denn berechtigt ist alles, was gegen ihn vorgebracht wird, was ihm entgegengeschleudert wird. Er sitzt dort nur zu recht.
Doch das wird alles nicht passieren, denn das ist kein Roman, sondern die Wirklichkeit und eigentlich wird nichts passieren und dann rennt er durch die Stadt, klaut sich schnell einen Marker, am besten einen Lackstift des namhaften Herstellers mit der Ziffernfolge sieben fünf null, weiß, schwarz, blau, und schreibt alles voll. Jedes Schild, jede Regenrinne, überall, wo er lang geht, hinterlässt er sich. Dass das alles schnell geputzt ist, ist einerlei. Stundenlang geht er durch die Stadt, bestimmt drei, vier mal kommt er an den selben Stellen vorbei, setzt hier und da noch einen Schriftzug, wo es vormals nicht klappte oder eine andere Stelle seine Aufmerksamkeit forderte. Zehn, hundert, vielleicht auch zweihundert mal schreibt er Wörter in die Stadt, immer mal wieder den Stift schütteln, die Kugeln rasseln lassen und den Filzaufsatz auf den Boden oder ein Geländer oder die Kante von irgendetwas drücken, Hauptsache, dass neuer Lack nach unten in die Spitze fließt.
Und so bleibt ihm nichts als weiterzulaufen und sich umzusehen, ohne sich umzudrehen und darauf zu hoffen, jemanden zu treffen, im Nebel, oder noch besser: niemanden zu treffen, nie, niemanden zu treffen und alles zu vergessen und am Ende sich selbst zu vergessen und seinen Weg und das, was bleiben sollte und das vergisst sich auch und dann bleibt nichts. Das Nichts, das war, als er war, das schon vorher war und immer sein wird. Das Nichts, das alles verschluckt, Buchstaben, Brotkrumen und Schmerzen. Und auch seine Schmerzen werden nichts sein, was sie schon immer waren und er schaut aus dem Nichts lächelnd heraus auf alles, was jetzt nichts ist und lässt alles so zurück, wie er es vorgefunden hat: im Nebel.