Nach Wie Vor

Und dann

Und dann sitzt er da, sitzt da und hat die Hörer auf, sitzt da und schaut auf den Bildschirm, sitzt da im Dunkeln, zwei Hörer und zwei Türen von seiner Freundin entfernt, die liegt, sitzt da und hört und hat alles parat, Gewesenes und noch Schwebendes, sitzt da und riecht den Herbst von vor 20 Jahren und fühlt sich im Bad stehen als kleiner Junge, in der ersten Wohnung stehen und dem ersten Bad, in dem er stand und das schon fünf Wohnungen und Bäder her ist. Und sitzt da und sitzt da ja gar nicht, wippt, kippelt, schaukelt, nickt, der Kopf, die Schultern, die Lider: nichts sitzt. Er fliegt, rauscht, kämpft im spanischen Bürgerkrieg und tanzt in Dorfdiscos vor der Wende. Er sitzt und sitzt und ist so alt und so jung, dass sitzen wohl das Einzige ist, was all diese Zustände verbinden könnte, sitzen und Grimassen schneiden. Und dann ist es drei oder fünf und er sitzt noch und muss doch liegen, wenigstens drei oder fünf dieser Stunden. Und dann liegt er und sitzt doch immer noch und tut nichts von alledem, er fliegt, er brennt, große Städte und Gebirgspässe, Strände und Kinderzimmer. Und er steht auf und muss gehen und fahren und wieder sitzen, acht Stunden sitzen und jetzt sitzt er wie eingepflanzt, ohne Wind in den Blättern, doch die Ohren rauschen noch, aus einer Zeit herüber, aus der er sich nicht erinnern kann, je gesessen zu haben. Gelaufen, gerannt, gesprungen ist er, die Hände in den Taschen, und immer, immer, immer die Hörer auf den Ohren.

Er 1

Er war nur der Beobachter. Er studierte seinen Verfall auf großen Tafeln, sah sich in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, kalkulierte, prognostizierte Ergebnisräume, beschrieb mit milchiger Kreide endlosen Schiefer, bis der einen Spiegel darstellte, in dem er sich nicht mehr erkannte, weil er sich zu lange schon nicht mehr gesehen hatte; begriff sich nun als Fremden, beobachtete sich darin umso genauer, konnte nun alle Hemmungen in der Diagnose ablegen, kam aber zum selben Schluss: Es gehe immer weiter und am Ende unterliegt man. Aber er war noch da und sah sie kommen und gehen, soviele Personen, Bekannte, Freunde. Wieviele es waren, konnte er nicht abschätzen, sie zu zählen traute er sich nicht. Solange es zu viele waren, war es gut.

Der Beweis

Beweise es! Beweise es!, schrien sie. Doch er konnte nicht. Lügner! Lügner!, schrien sie, und er ließ sie gewähren. Wir wussten es! Wir wussten es!, tönte es im Chor, als hätte es jemals eine Chance gegeben, die nun verstrichen war. Beweise es! Beweise es!, schrien sie wieder, und eigentlich wollten sie sehen, dass seine Beweise gut waren und unumstößlich. Denn wenn stimmte, was er behauptete und wenn er tatsächlich Beweise hatte, dann waren sie sein Untergang so wie sie nun, wenn er keine Beweise hatte, sein Untergang waren. Und dass er das wusste, wussten sie genauso wie umgekehrt er wusste, dass sie das wussten. Und so schrien sie weiter und so stimmte er mit ein und so schrien und schrien sie, bis ihnen die Stimmen versagten.

Halb unter, halb auf Deck

Die Arbeiter liegen wie verfaulte Pilze in ihren Verschlägen halb unter, halb auf Deck. Manche von ihnen haben Bilder von abenteuerlichen Dreimastern, die sie sicher selbst nie gesehen haben, auf der Brust. Sie sprechen ihre eigene Sprache und scheinen sich für nichts zu interessieren. Nur wenn die Wellen stärker werden und die Mägen rebellieren, beginnen ihre Augen zu glänzen. Man hofft, sie gänzen immer noch, wenn die Arbeiter einige Stunden wieder allein auf ihrem Schiff vor der Bucht in ihren Verschlägen halb unter, halb auf Deck hocken und man bereits wieder einige Stunden an Land in seinem Verschlag hockt und der eigene Magen immer noch rebelliert.

Kleine Genealogie des Traums 4

Nach all den Jahren der Albträume war an Schlaf nicht zu denken. Nie wieder wollte er schlafen müssen. Um nichts in der Welt konnte wach sein schlimmer sein als das, was ihn in diesen wenigen Stunden erwartete, die ihn vor die Hürden des nächsten Tages hieven sollten. Sowieso war es ihm ein bleibendes Rätsel, wie es angenommen acht Stunden Schlaf pro Nacht – und das war viel – schaffen sollten, ihn für die doppelte Zahl an Stunden körperlicher und geistiger Anstrengung vorzubereiten. Nein. Der Schlaf war nichts weiter als eine Verlängerung der Qualen des Tages in einen Zustand, in dem er der Kontrolle über sich und sein Handeln völlig entzogen war – und der somit dem Tag an sich bereits gleichkam. Doch der Schlaf raubte ihm zudem alle Hoffnung, da er ja… Aber da ja nun Wachen und Schlafen eins waren und es auf Tag und Nacht nicht ankam, legte er sich hin und schlief mit tiefen, abrupten Atemzügen und unter seinen geschlossenen Lidern zuckte und regte es sich fortwährend wie in einem Ei, aus dem sich der Schnabel eines Kükens kämpfen will, aber nicht kann.

Gelbes Licht 2

Das Shirt, dass er um den Kopf gewickelt hatte, hatte er vorige Nacht zum Schlafen angehabt. Er hatte alles im Blick: Vorne die Fenster, hinter denen die Bahnmitarbeiter saßen und eine Brücke, die über die Abstellanlage führte. Links, hinter dem Güterzug auf dem Nebengleis den beleuchteten Parkplatz eines Autohauses und rechts, einige Gleise hinter dem Zug, unter dem er lag, die Verladestation eines weiteren Autohändlers mit dem Weg, auf dem die Bundespolizei unregelmäßige Kontrollrunden fuhr und jederzeit auftauchen konnte.

Sie malten abwechselnd, damit einer stets die potentiellen Gefahren im Blick hatte. Er war der Erste, der auf dem Boden lag, die Augen über die Umgebung gleiten ließ und die Wange mit dem umgeschnürten Shirt auf die Steine presste. Alles, was noch kam: das Bild, dass er auf den Zug malen würde, das Kauern hinter die Achsen des nebenstehenden Güterzuges bei auf den dahinter befindlichen Gleisen passierenden Zügen, die Rückfahrt über etliche Kilometer in der aufgehenden Sonne kurz vor dem Berufsverkehr des kommenden Tages; und alles, was schon gewesen war: die Anfahrt und Vorbereitung, die Beobachtung des planlos scheinenden Verhaltens der Bahnmitarbeiter aus dem Inneren des Zuges heraus, unter dem er nun lag, der Adrenalinstoß beim Vorfahren und Halten des Polizeiwagens nur einige Meter von ihnen entfernt, das Dosen nach Farben Markieren und das Schuhe binden; und auch das Händeschütteln nach dem erfolgreichen Ende der Aktion: All das genoss er und für Weniges auf der Welt hätte er es getauscht, doch das Eigentliche war dieser Moment unter dem Zug liegend: Völlig geschützt und doch von nichts als Gefahr umgeben, die Hände in eng anliegenden Einmalhandschuhen und bäuchlings auf der Erde, wie er nicht einmal im Sommer im Schwimmbad auf ihr lag, durchzog ihn eine große Ruhe. Ein paar Körperlängen hinter seinen Füßen sprühten sie Nebel durch das gelbe Licht an die Außenhaut des Zuges. Sie waren das Einzige, was er nicht sah, sondern nur hörte und so fühlte er sich wie ein Begleiter seiner selbst, als malte er dort gerade, angestrengt, präzise, vielleicht etwas gedankenlos.

Als der Nächste ihn ablöste, wäre er am liebsten liegen geblieben und hätte sich und der Welt gelauscht, der Ruhe und den Zügen und dem Sprühen. Doch er stand auf, nahm seinen Platz ein paar Körperlängen hinter dem nun mit der Wange auf den Steinen Liegenden ein und sprühte angestrengt, präzise und etwas gedankenlos farbigen Nebel an die Außenhaut des Zuges durch das gelbe Licht der Abstellanlage.

Jeden Tag 1

Jeden Tag nimmt er ein leeres Blatt, zerknüllt es und lässt es in den Papierkorb neben dem Schreibtisch fallen. Das Knistern des Blattes, das sanfte Aufkommen auf den anderen Blättern: In der Welt würde man das gar nicht hören. Es fällt wie ein Kalenderblatt oder ein welkes Stück Herbstlaub. Jedem Blatt auf diesem Stapel wird es so gehen, fein säuberlich aufeinander geschichtet. Sein Jahr hat 500 Blatt, direkt aus der auch papiernen Hülle liegt es da im warmen Licht, wenn draußen noch Dunkel ist. Als könnte man darauf schreiben liegt es da, nur einen Stift bräuchte man in die Hand nehmen und schon könnte man schreiben und Seite um Seite vordringen. Zum Boden des Stapels, immer ein Stückchen näher. Und es würde sich ein neuer Stapel ergeben, nun mit beschriebenen Blättern, und lange Zeit wäre es in der Schwebe: das Verhältnis der Höhe dieser Stapel. Doch irgendwann wäre der Stapel der leeren Blätter überführt in einen Stapel beschriebener Blätter und ein beschriebenes Blatt, ein Wort würde genügen als Anfang, schon mit einem Strich wäre das Blatt nicht mehr leer. Doch wie beginnen? Welches Wort schreiben, welche Linie ziehen? Ja, nie hat er es geschafft, eine Seite zu beschreiben und wenn es doch einmal geschehen war in den letzten Jahren, dass er unvermittelt einen Stift in der Hand gehalten und ihn auf das Papier gesetzt und vielleicht gar eine Linie oder einen Strich gezogen hatte und womöglich das ein oder andere Wort entstanden war, dann setzte er sofort scheu den Stift ab und zerknüllte auch dieses Blatt, um es mit einem sanften Aufkommen in den Papierkorb fallen zu lassen.

Bewerbertext zum Open Mike 2014

Der Zug zischt vorbei. Wobei aus 30 Zentimetern Entfernung ein Zug niemals zischt,  sondern dröhnt, berstet, um sich schlägt. Er liegt zwischen Zug und Wand, hat den  Kopf schützend zwischen den Schultern, die Beine angezogen, er hält den Oberkörper  geduckt und kommt, während die Gleise noch vibrieren, wieder hinter dem Betonfuß des Streckensignals hervor. Die Wand erholt sich langsam, das Licht schaltet wieder auf rot, Schneewehen, der Atem geht tief. Er ist fertig. Hat zusammengepackt,  betrachtet das Schimmern auf der Wand vom leicht erhöhten Schienenstrang aus, die Stadt schräg rechts im Blick. Er nimmt seine Tasche, geht lautlos über die Schwellen, eine ist zu kurz, zwei sind zu lang für einen normalen Schritt. Also trippelt er, weil er nicht rennen will. Auf der anderen Seite der Lärmschutzwand fängt bald der Ort an. Kies knirscht, dann die Straße. Schon oft ist er diesen Weg entlang gegangen und das immer der selben Linie folgend, mitten auf der Straße, damit die Bewegungsmelder der Häuser rechts und links nicht angehen. Manchmal gehen beide an. Dann ist er zurück am Auto.

Es ist: eine von so vielen Nächten. Der Titel seiner Jugend. Es ist: die ersten Male einfach darauf los laufen und mit Freunden, die schon lange keine mehr sind, erste Autobahnbrücken bemalen. Es ist: vor Adrenalin zitternd am ersten Zug stehen. Es ist nach einer Stunde Fahrt durch Dörfer, Dunkel, Berge einen Zug vor einem Felsen  malen hoch über der Stadt und wieder nur ein Nachtfoto bekommen. Oder im Ausland über hunderte Kilometer ein halbes dutzend Abstellanlagen abfahren, nur um am  nächsten Mittag völlig erschöpft einen Unfall zu bauen und gerade noch mögliches Beweismaterial zu beseitigen. Es sind: so viele Nächte. Ein Doppelleben kann auch zwei halbe sein, und wenn eines wegfällt, bleibt kein ganzes mehr über. Und was zählt das Erlebte, die Geschichte, wenn man beim Aufwachen in einer Welt ist, in der nur diese Geschichte an das Erlebte erinnert und alles, alles anders ist? Wenn die Entfernung alle Finger abrutschen lässt? Wenn alle einzelnen Erinnerungen, Bruchstücke, auch und gerade weil es so viele sind, ein Ganzes so unwahrscheinlich machen, dass sie nicht nur dieses Ganze, sondern auch sich selbst so unwahrscheinlich machen? Wenn einem nur noch das Jetzt bleibt, aber man aus nichts als Vergangenem besteht? Wenn alles Neue an Altem, oder noch viel schlimmer: am Fehlen dieses Alten gemessen wird? Wenn alle Bilder ihn zerreißen, weil er sie nicht zusammenhalten kann, aber auch keines aufzugeben vermag?

Zehn Jahre. Zehn Jahre lang Schienen entlanggehen, mit dem Auto durch die Nacht fahren, in Orte, die ihm teils vertrauter sind als die Umgebung seiner Wohnung, die er aber nicht bei Tag kennt. Zehn Jahre lang Handschuhe tragen, Dosensets zusammenstellen, zehn Jahre lang die Schuhe nochmal fest binden (Wichtig! Immer die Schuhe nochmal fest binden!) und das Auto passend abstellen. Zehn Jahre lang von der Straße verschwinden, vom Gebüsch und Grundrauschen verschluckt werden. Zehn Jahre lang vermummt, wach, kalt an den Augen. Zehn Jahre sich bedeckt halten, und vor allem: zehn Jahre sich nicht erwischen lassen. So vieles aus diesen zehn Jahren ist schon verloren, dass er sich manchmal wundert, selbst noch da zu sein. Und in zehn Jahren oder noch einmal zehn oder hundert Jahren wird alles, wird er vergessen sein, geputzt, abgerissen, neugebaut. Zerstört und weggeweht wird alles sein, was er die letzten Jahre geschrieben und gemalt und gemacht hat, so wie es jetzt bereits weg ist, weggeweht, größtenteils übermalt, abgerissen, verwittert. Und seine Schritte werden noch hallen, doch nur für ihn, wenn er die immer gleichen Wege geht in der Hoffnung, es seien die selben und als sei das noch da, wofür man – das sind Leute, die er nie kennen wird oder denen er sich nie zu erkennen geben wird – ihn kennt. Denn ihn kennt man gar nicht, nur Spuren, Schatten von Schritten, die er sorgsam hinter sich herzieht, um die Spuren im eigentlichen Sinne doch stets zu verwischen. Kein Täterprofil darf möglich sein, keine spezielle geographische Verteilung der Spuren darf erkennbar sein, geschweige denn Rückschlüsse auf ihn zulassen. In gründlicher Routine muss er sich verneinen, je größer und aufdringlicher die gesetzten Zeichen werden, desto kleiner, zur Unkenntlichkeit zerrieben muss er sein. Je größer das Ich, desto größer auch das Nichts, das ihn umgibt und schützt. Tief nach innen muss alles gebracht werden, was ihm gefährlich werden kann.

Er kauft Mobiltelefone in kleinen Import-Export-Läden. Sie müssen gebraucht, das heißt eventuell auf einen anderen Namen gekauft sein und sollten möglichst nichts können als mit Anrufen und Textnachrichten umgehen, auf keinen Fall Fotos machen oder gar über einen Bildschirm verfügen, den man direkt durch Fingerdruck betätigen kann. Aber sie brauchen eine kleine runde Buchse zum Anschließen einer  Freisprecheinrichtung, das heißt eines Kabels mit zwei Ohrstöpseln und einem kleinen Mikrofon. Auch Karten zum Telefonieren hat er stets vorrätig, er aktiviert sie entweder über Telefon (meist spielt er einem der Verkäufer vor, dass das Aktivieren nicht funktioniere und ob er daher von einem der ausliegenden Telefone anrufen könne) oder über eine sichere oder öffentliche Internetverbindung. Manchmal hängt an der Aktivierung einer solchen Karte für die Sicherheit bei einer später zu begehenden Straftat der Diebstahl einer Schirmkappe oder einer Sonnenbrille, um im allermeist kamerakontrollierten Internetcafé unerkannt zu bleiben, wenn denn die später tatsächlich begangene Straftat, die, für die diese Maßnahmen notwendig werden, auf eben diese Maßnahmen hin rückverfolgt werden. Alles im Falle, dass… Das Malen verursacht eine solche Anstrengung, um es zu schützen, dass er manchmal beim Malen selbst unvorsichtig wird, einfach, weil es der einzige Moment ist, an dem loslassen und sich entspannen möglich sind. Natürlich sind auch noch unmittelbar vorher präzise (doch Routine gewordene) Vorbereitungen nötig, doch in dem Moment, in dem er vor dem Zug oder an der Wand oder wo auch immer steht, nachdem er sich durch Wohnviertel, Gebüsche, Zäune, Bahnstrecken zu genau diesen Quadratmetern hinbegeben hat, kann er endlich ausatmen. Mitunter verläuft nur wenige Zentimeter hinter ihm die nicht zu durchschreitende Linie eines Bewegungsmelders oder befinden sich eigens geschulte Beobachtungs- und Festnahmeeinheiten in für Laien beunruhigender Nähe. Welcher Ort, wenn nicht dieser, könnte für ihn in diesem Moment der sicherste der Welt sein?

Und doch ist jeder einzelne Moment entscheidend, kann es das eine entscheidende Mal sein. Das, an dem es schief geht, an dem alles zusammenstürzt, an dem er doch aus Versehen und ohne es zu merken den Bewegungsmelder auslöst oder er es nicht schafft, noch rechtzeitig ins nächste Wohnviertel zu gelangen, bevor die größeren, die Viertel voneinander trennenden Straßen abgeriegelt werden. Und dieses entscheidende eine Mal ist immer dabei, jedes Mal ist dieses entscheidende eine Mal dabei, damit es dieses entscheidende eine Mal eben nicht wird. Bei jedem einzelnen Strich, jedem kleinen Schriftzug im Nirgendwo genauso wie bei jedem von oben bis unten nicht unerheblich veränderten Zugabteil ist das Erwischtwerden schon dabei. Und auch in den Stunden davor und danach, an jedem Tag begleitet ihn dieses Erwischtwerden. Eigentlich ist dieses Erwischtwerden das einzige, das sich wirklich durch diese zehn Jahre zieht. Wenn ihn jemand fragte, was er tut und er offen antworten könnte, würde er nicht antworten: ich male, sondern: ich werde nicht erwischt. Alles an ihm und in ihm ist auf das stete Nicht-Erwischtwerden ausgerichtet. Sein Leben ist eine Kette von Situationen, sich nicht erwischen zu lassen. Ständig und überall muss er darauf vorbereitet sein, von den Ermittlungsbehörden mit der Zuschreibung einer Zahl strafrechtlich relevanter Taten konfrontiert zu werden. Ob er zum Familienessen nach Hause fährt oder in die Dusche steigt: Nichts darf an den Orten, die unter Paragraph Soundso der Strafprozessordnung fallen, auffindbar sein, jederzeit können die Ermittlungsbehörden an der Tür klopfen. Im Kopf läuft dieses unvermittelte Auftauchen immer mit. Und es ist immer ein Gerade jetzt:

Gerade jetzt musste er geschnappt werden. Gerade in diesem Moment. Automatisch ergeben sich besonders bedeutungsschwere Konstellationen zwischen dem Eigentlich und dem Stattdessen. Die dramatische Musik will schon ansetzen, links im Bild läuft das, wogegen er sich entschieden hat, um das strafrechtlich Relevante zu tun und rechts wird er gerade festgenommen oder ist es bereits. Und hätte er nur! Links, die Familie, erfährt davon, legt die Hände vors Gesicht. Er, rechts, beißt sich unter gepressten Lippen auf die Zunge. Klarer kann es gar nicht sein, der Fehler, die Schuld, wo er eigentlich hätte sein sollen und wo er stattdessen war. Von sich weg halten ihn die Beamten den Eltern hin, als ob sie zu prüfen hätten, ob das auch wirklich ihr Sohn sei. Ein bestimmter Geruch muss von ihm ausgehen, den jetzt alle bemerken. Nach nassen Haaren riecht er, das Abwenden der Eltern wird als Akt der Frömmigkeit gedeutet. Nachdem er gefasst ist, läuft alles in Zeitlupe ab. Auch das muss seine Schuld sein. Strafe ist es allemal. Auch sich selbst scheinen die Eltern mit dieser Langsamkeit zu bestrafen. Bloß keine Erschütterung verursachen. Noch dröhnen die Ohren, ganz sachte muss gehandelt werden, jede Bewegung kostet mehrfach Kraft. Mit ihm reden werden sie nicht mehr und auch miteinander hat er sie schon lange keine Worte mehr wechseln hören.

Und je mehr und je länger er hofft, dass es nicht passieren wird und je besser und sicherer er seine Leben zu trennen vermag und je seltener er sich bei Fehlern ertappt, desto mehr beschleicht ihn der wahre Horror: das es nie, nie enden wird und er nie, nie erwischt werden wird. Dass sein Bemühen, sich von allem zu entfernen, alle Tattoos abzuwaschen und sein Gesicht in der Masse verschwinden zu lassen, dass ihn das alles, dass er sich selbst nur verkrüppelt zurücklässt und der Zaun, den er um sich gebaut hat zwar hoch und schön ist, er aber schon lange keine Nachbarn mehr hat. Und dann hofft er manchmal, dass es passieren wird, dass alles in sich zusammenfällt, dass er geschnappt wird und sich alle auf ihn stürzen und ihn in einen großen, hohen Raum zerren. Und dann würde er schweigen, schweigen wird er. Die Lippen verschwinden lassen, die Zunge verschlucken. Die Augen suchen den Raum ab nach der einen Person, die alles entkräftet, die alles richtig stellt. Doch sie finden nur malmende Mäuler, vor Ereiferung geifernde Fratzen, heraustretende Augen. Mit überstreckten Fingern zeigen sie auf ihn, als könne nur jeder Einzelne für sich das ganze Ausmaß seiner, meiner Schuld erfassen und als sei es seine, also eines Jeden der Anwesenden dringlichste und alleinige Aufgabe, allen anderen Anwesenden schnellstmöglich, zweifelsfrei und lückenlos darüber zu berichten. Daher schreit alles durcheinander, selbst die Ältesten unter den Anwesenden mischen hinein. Dass keiner die eigene Stimme versteht, kann durchaus erwünscht sein. Sicher ist die Akustik des Raums im Hinblick darauf  angelegt. Überhaupt: Rund müsste der Raum sein und drehen würde er sich, gegeneinander drehen würden sich der mittlere Kreis mit seinem Stuhl und, durchaus mit ein wenig Abstand zu diesem Stuhl, der äußere Ring, dieser Trichter, diese Arena. Jede Reihe bräuchte ihre eigene Brüstung zum Darüberlehnen, holzvertäfelt müsste das alles sein. Am besten teuer. Und er: Sitzt nur, die Beine im rechten Winkel, die Handflächen nach unten. Nimmt alles an, denn berechtigt ist alles, was gegen ihn vorgebracht wird, was ihm entgegengeschleudert wird. Er sitzt dort nur zu recht.

Doch das wird alles nicht passieren, denn das ist kein Roman, sondern die Wirklichkeit und eigentlich wird nichts passieren und dann rennt er durch die Stadt, klaut sich schnell einen Marker, am besten einen Lackstift des namhaften Herstellers mit der Ziffernfolge sieben fünf null, weiß, schwarz, blau, und schreibt alles voll. Jedes Schild, jede Regenrinne, überall, wo er lang geht, hinterlässt er sich. Dass das alles schnell geputzt ist, ist einerlei. Stundenlang geht er durch die Stadt, bestimmt drei, vier mal  kommt er an den selben Stellen vorbei, setzt hier und da noch einen Schriftzug, wo es vormals nicht klappte oder eine andere Stelle seine Aufmerksamkeit forderte. Zehn, hundert, vielleicht auch zweihundert mal schreibt er Wörter in die Stadt, immer mal wieder den Stift schütteln, die Kugeln rasseln lassen und den Filzaufsatz auf den Boden oder ein Geländer oder die Kante von irgendetwas drücken, Hauptsache, dass neuer Lack nach unten in die Spitze fließt.

Und so bleibt ihm nichts als weiterzulaufen und sich umzusehen, ohne sich umzudrehen und darauf zu hoffen, jemanden zu treffen, im Nebel, oder noch besser: niemanden zu treffen, nie, niemanden zu treffen und alles zu vergessen und am Ende sich selbst zu vergessen und seinen Weg und das, was bleiben sollte und das vergisst sich auch und dann bleibt nichts. Das Nichts, das war, als er war, das schon vorher war und immer sein wird. Das Nichts, das alles verschluckt, Buchstaben, Brotkrumen und Schmerzen. Und auch seine Schmerzen werden nichts sein, was sie schon immer waren und er schaut aus dem Nichts lächelnd heraus auf alles, was jetzt nichts ist und lässt alles so zurück, wie er es vorgefunden hat: im Nebel.

Der Chef

Der Chef kriegt viele Zeitungen. Nicht, dass er sie bei seiner ganzen Arbeit lesen könnte. Aber weil seine Untergebenen Zeitungen bekommen, muss er diese und noch mehr Zeitungen haben. Und sie auslegen, als müssten sie jederzeit verfügbar sein. Sie halten sich zu seiner Verfügung, er verfügt.

Die beste Crew

Der Sticker, mit dem das ein nicht unerheblich verändertes Erscheinungsbild aufweisende Tatobjekt versehen wurde, war mal rund, gelb und von Hand beschriftet (Aufnahmeort und Datum), mal eckig und gelb und mit dem Logo der Betreibergesellschaft versehen, und mal verkündete ein Sticker in den Farben des Unternehmens (in diesem Fall weiß und rot), dass der „Schaden bereits an unsere Werkstatt“ gemeldet worden sei und der Defekt umgehend behoben werde. Waren die Sticker wohl hauptsächlich dafür da, die internen Reinigungsabläufe der ja mitunter über Einzugsgrenzen verschiedener Werkstätten hinweg fahrenden Züge zu vereinfachen, indem Mitarbeiter im Einzugsgebiet B oder C durch einen jeweiligen Sticker sofort klar war, dass der Schaden bereits etwa im Einzugsgebiet A aufgenommen worden war (im Falle der runden gelben, von Hand beschrifteten Kleber), oder dass der Schaden zumindest irgendwo (eventuell auch im eigenen Einzugsgebiet) aufgenommen war und die nötigen Schritte bereits eingeleitet worden sind (das zeigte jeder Sticker); sollten sie, die Klebstreifen, also eigentlich nichts anderes forcieren als die möglichst schnelle Reinigung der Außenhaut des Tatobjekts von der aufgebrachten Farbe, so wurden sie schnell zum Agenten gegenteiliger Wirkung, zumindest anfangs. Er kopierte sich einfach einen solchen Sticker (es waren jene kleinen, gelben, runden, mit der Hand beschriebenen), beschriftete ihn und klebte ihn nach Fertigstellen seines Bildes selbst auf. Der Mitarbeiter, für den das Kleberverfahren auch noch neu und die Situation somit ungewohnt gewesen sein muss, war beim Entlanggehen des Objekts sicher froh darüber, dass der doch neu scheinende Schaden schon erfasst war und er um den Bürokram herumkam, zumindest um den Anruf und das eventuell dadurch bedingte Umparken und Gerenne, mindestens um die obligatorische zeitliche Verzögerung. Und gerade, wenn ihm etwas komisch vorgekommen sein sollte, weil er sich doch sicher war, dass dort vormals kein Schaden feststellbar gewesen wäre und er auch nichts von neuen Schäden an diesem Objekt oder in diesem Depot gehört hatte (was bei ordnungsgemäßer Aufnahme eines Schadens eigentlich die Regel war), so wird ihm seine Unsicherheit noch mehr dazu veranlasst haben, eben nicht nachzufragen (er war wie alle Bahner sicher schon lange im Geschäft und doch kein dummer Junge mehr!). Und so waren in der Anfangszeit der Sticker und zwischendurch hin und wieder erhebliche Verschleppungen des Putzvorgangs möglich. Ein Bild (oder Schaden) rollte durch geschicktes Auf-, Ab- und Umkleben der Marker an verschiedenen Abstellorten sogar so lange, bis die darauf folgend eingesetzten Klebmarker (die gelben mit dem Logo des Betreibers) bereits einige Wochen im Einsatz waren. Allein, dass diese gelben, eckigen Logo-Kleber auf die doch mehr Information bietenden kleinen runden, zusätzlich mit Aufnahmeort und -datum beschrifteten Sticker folgten, zeigte ja den Erfolg sicher vieler ähnlich gelagerter Systemeingriffe. Während der alte Sticker vor allem auf bestmögliche Abstimmung interner Vorgänge hin konzipiert war, zeigte der neue nunmehr lediglich, dass sich bereits um den Schaden gekümmert werde. Das aber mit Nachdruck, sprich Firmenlogo, fast ein wenig trotzig und irgendwie auch als betreibereigene Antwort auf die angebrachte Buchstabenfolge: Die beste Crew sind immer noch wir.

Das Tattoo

Er würde es sich in die Haut stechen. Ja, das war es. Er würde sich tattoowieren lassen, und diese Tattoowierung würde alles enthalten, würde den Schlüssel zu allem darstellen. So nackt, wie er sein würde, wenn man das Tattoo betrachten wollte, würde er auch im übertragenen Sinne vor dem Betrachter stehen. Vielleicht ganz nackt nicht, aber das Wichtigste, der Kern, das Herz, wäre nackt und würde einen anschauen, einem ins Auge springen, mehr noch, als man es betrachten würde. Und doch wäre die Tattoowierung nicht der Schlüssel, erst nur mehr das Rätsel zu allem. Um sie, die Tattoowierung und das Entscheidende wirklich zu verstehen, brauchte man den Schlüssel bereits und um den Schlüssel zu erlangen, musste man sie, die Tattoowierung sehen. Jahrelang würden sie vor ihm stehen oder über Abzüge seines Körpers gebeugt. Selbst, wenn sie ihn hatten, hatten sie nichts. Ja, tattoowieren würde er sich lassen. Nichts Besseres, um ein Geheimnis zu bewahren, gibt es.

Gelbes Licht 1

Perfekt steht alles. So, wie in den guten alten Tagen, von denen man immer schwärmt. Ganz hinten, fast eine Einladung, nein: eine Provokation. Also ran an das Teil. Die Vorbereitung verläuft routiniert, anschauen, essen, Plätze und Aufgaben verteilen, nochmal die Blase leeren, alles gegenchecken, die Schuhe nochmal fest binden (wichtig! Immer die Schuhe nochmal fest binden!) und das Auto passend abstellen. Alles die Erfahrungen der teilnehmenden Personen zusammengenommen einige hundert mal gemacht, vielleicht auch tausend. Oft genug für das richtige Maß an Routine und Wachsamkeit. Die Umgebung nochmal ablaufen, dann: Von der Straße verschwinden, vom Gebüsch und Grundrauschen verschluckt werden. In diesen Fransen der Stadt geht es zum Objekt, das eingegangene Risiko schlägt nicht zu. Nun sind die Teilnehmer keine Personen mehr, vielmehr Halbgestalten, vermummt, wach, kalt an den Augen. Sie laufen das Objekt ab, nehmen die zugeteilten Plätze ein und beginnen mit den zugeteilten Aufgaben. Schnell hängt der Nebel zäh im gelben Licht zwischen Dachkante und Oberleitung.

 

Die Spirale

Immer schneller drehte sich die Spirale. Mit jeder Drehung, mit jedem Tag aufstehen und schlafen gehen wurde es mehr, und je mehr es wurde und je schneller es, also er sich drehte, desto stärker wurden die Fliehkräfte. Noch kamen seine Arme mit, sie streckten sich und wuchsen ihm überall heraus, um alles Dazukommende und zugleich Davonfliegende festzuhalten. Allein mit der Instandhaltung der alten, bisweilen bereits morschen Arme, die schon alte, oft fast und nur durch das Festhalten fast vergessene Dinge festhielten, hätte er alle Zeit und Kraft verbringen können. Für ihn das Erstaunlichste blieb, dass er das, also sich, doch immer noch aushielt. Je größer der Lebensball um ihn herum wurde, je mehr Arme sich gegenseitig kreuzten und in den verschiedendsten Längen übereinanderlagen, desto dichter wurde er auch. Zwar war Orientierung innerhalb der schnellen Bewegung kaum noch möglich, sie war aber nun auch weit weniger nötig. In seiner Drehbewegung war er trotz oder gerade seiner Anstrengung in den Zustand einer gewissen Selbstvergessenheit geraten. Zwar hatte er seine Mühe und Not mit sich und alledem, was ihn auseinanderzureißen drohte und ihn also zusammenhielt. Doch genügte er sich nun. Je mehr er damit beschäftigt war, sich um alles andere zu kümmern, dies und jenes zu bewahren, Manches gar mitunter mit einer besonders jähen und geschickten Bewegung von einem morschen und abzureißen drohenden Arm zu retten, desto mehr verschwand es eigentlich aus seinem Kopf. Das immer wieder Retten, Prüfen, Stützen, Zurückholen, mitunter auch Verlieren kleinerer Dinge (ob es wirklich kleinere Dinge waren, vermochte er nicht zu sagen, da sie ja verloren, vergessen waren) ersetzte zunehmend das Gerettete, Geprüfte, Gestützte, Zurückgeholte und das Verlorene (wobei das Verlorene erneut einen speziellen Fall darstellte). Der Vorgang wurde zum Inhalt, er kreiste um sich selbst, war sich vollends die eigene Welt. Kam ihm die Geschwindigkeit anfangs noch als Last, als hinzunehmende Erschwernis seiner Aufgabe vor, lernte er sie mit der Zeit schätzen. Je schneller, desto ruhiger war er geworden.

Das Schicksal Toms

Nachdem er sich gesetzt und das Gepäck neben sich verstaut hatte und die Kindergartengruppe doch noch über das Gleis des in die entgegengesetzte Richtung abfahrenden Zuges gelaufen (die Rucksäcke auf dem Rücken, in Zweierreihen an den Händen gefasst, vorne und hinten je eine Erzieherin) und eingestiegen war und sich unter großem Trara um ihn und sein Gepäck herum in kleine, miteinander rufende, kreischende, alles wissen wollende Grüppchen gefunden hatte, war klar: Tom, Tom fehlte. Zwar war vorher abgesprochen gewesen, dass er erst am Bahnhof zur bereits gemeinsam am Kindergarten losmarschierten Gruppe stoßen würde (am Bahnsteig hatten die Erzieherinnen diskutiert, ob man den Zug bei einer etwaigen Verspätung Toms nicht zumindest für eine kurze Zeit von der Abfahrt hindern konnte), doch tauchte das Auto seiner Mutter (ein dunkler Kombi) erst bei der Ausfahrt des Zuges aus dem von ihm, dem Kombi, beziehungsweise ihr, Toms Mutter, angesteuerten Bahnhof auf. Prompt (Toms Mutter hatte sich wohl über den geringen zeitlichen Abstand zwischen ihrer Ankunft am Bahnhof und der Abfahrt des Zuges klar sein müssen) setzte sie den Kombi zurück, wendete und fuhr nun dem bereits losgefahrenen Zug hinterher.

Das Manöver war klar: Tom sollte an einem der folgenden Haltepunkte im Zug untergebracht werden und je schneller, das heißt je früher das der Fall wäre, desto geringer wäre auch der Prestigeverlust der Mutter (die ja die Abfahrtsuhrzeit vergessen beziehungsweise die Fahrtzeit zum Bahnhof falsch berechnet hatte oder aus welchen Gründen auch immer ihrer Pflicht nicht nachgekommen war und nun überhaupt als wortbrüchig zu gelten hatte). Nach einer kurzen allgemeinen Aufregung diskutierten die Erzieherinnen für eine über die übliche Erwartbarkeit hinausgehende Leistung (eine Ablieferung Toms bereits beim nächsten, nur etwa einen Kilometer entfernten Haltepunkt) gar einen Prestigegewinn. Auf diesem ersten Kilometer – die Kinder stritten nach anfänglichem Interesse für das Schicksal Toms lieber über den Standort des Kindergartens und der Häuser verschiedener allgemein bekannter Angehöriger (manche hatten links dasjenige gesichtet, was rechts doch schon einige hundert Meter vorher identifiziert worden war) — Auf diesem ersten Kilometer, die Straße führte etwa hundert Meter parallel (links) zur Zugstrecke über ein kurzes Stück Landstraße (für das er in der vierten Klasse, vom Ende des einen Dorfes zum Beginn des anderen (markiert durch die Ortsschilder in gelb), ziemlich genau 3 Minuten 30 brauchte. Das weiß er noch, weil er vorher mit den damaligen Mitschülern – von außen wahrscheinlich genauso ein sich stets neu, aber nie harmonisch arrangierender Haufen, wie er nun um ihn und sein Gepäck und wiederum auf dem gleichen Stück Strecke, nur eben hundert Meter parallel (rechts) und im Zug saß, darstellte – wettete und die Zeit stoppte, damals — Heute brauchte er im Zug für diese Strecke nur einige Sekunden und genau das stellte ja die besondere Herausforderung für die Mutter Toms dar (und den Grund des etwaigen Prestigegewinns oder zumindest der Wiedergutmachung ihres Eingangsfehlers). Und außerdem war er die Strecke nur dieses eine mal gelaufen (was allerdings so nicht stimmte, wie ihm nun auffiel, da er die Strecke hin und zurück etwa zehn mal gelaufen sein muss, jedoch nur einmal tagsüber, sprich bei Licht, wie jetzt – wobei es also insgesamt eine ungerade Zahl an Gängen sein musste, da bei besagtem Ausflug eine Rundstrecke gewählt worden war und er so die 3 Minuten 30 genau betrachtet in der entgegengesetzten Richtung des nun auch gleich oder gerade oder schon nicht mehr auf diesem Stück Landstraße fahrenden dunklen Kombis gelaufen war (Der Kombi: gesteuert von Toms Mutter, Tom wahrscheinlich auf der Rückbank auf einem, seinem Kindersitz – vielleicht sogar auf der rechten Seite, die dann also sein Stammplatz war und von der aus er nun sicher fieberhaft nach dem auf seiner Seite irgendwo entlangfahrenden Zug Ausschau hielt. Wahrscheinlicher saß er aber links, damit ihn der oder die Fahrende ohne umständlich ums Auto (den Kombi) herumlaufen zu müssen an- und abschnallen konnte. Aber selbst oder gerade dann wird er nach rechts geschaut haben und das Verrenkenmüssen und die eingeschränkte Sicht werden die Aufregung oder das Unbehagen Toms über die Situation verstärkt haben). Und eigentlich war da eine kleine Steigung (nun zugunsten des dunklen Kombis, allerdings auch des Zuges) auf dem kurzen Stück Landstraße und so wäre er damals in der vierten Klasse wohl jenes Stück in der nun entscheidenden Richtung in etwas weniger als 3 Minuten 30 gelaufen. Ob er dann auch richtig gewettet hätte? Jedenfalls wurde ja nun statt gelaufen Auto (Kombi) gefahren und es war klar, dass der Erfolg des Unternehmens, das übrigens auf dem nächsten, diesem Kilometer nicht eintrat, auch kaum von der in das Stück Landstraße eingeschriebenen Einzig- und Bestzeit eines damals Viertklässlers und heute Zugfahrers mit Gepäck abhängen würde.).

Auf dem nächsten Kilometer (nun bis zum nächsten Haltepunkt, der wiederum im nächsten Dorf lag und wiederum über ein kurzes, aber im Vergleich zum vorherigen doch etwas längeren Stück Landstraße zu erreichen war, das im Gegensatz zum vorherigen auch nicht gerade, sondern leicht s-förmig war, sodass die Entfernung des Zugs zur Straße, der selbst auf einer versetzten S-Linie durch ein kleineres Industriegelände geführt wurde, schwankte) — Auf diesem nächsten Kilometer wurden die Spekulationen der Erzieherinnen um den Zustiegsort Toms zum Zug und zur durcheinanderbrüllenden Gruppe bezüglich des nächsten Haltes zuversichtlicher. Nun müsste es doch zeitlich klappen, zumal der Zug ja auch gerade langsamer fahre und der erstmögliche Stop wahrscheinlich gar nicht avisiert worden war, um einen entscheidenden Vorsprung herauszufahren. Der Zustieg bereits am letzten, erstmöglichen Haltepunkt sei sowieso nicht zu schaffen gewesen, obwohl der Kombi auf der auch im Dorf des Haltepunktes etwa hundert Meter parallel (links) des Zugs entlangführenden Straße zwischen den Häuserreihen (im Schnitt standen drei Häuserreihen zwischen parallel laufender Zugstrecke und Straße) gesehen worden war. Und obwohl die Kinder im dadurch für kurz neu aufbrandenden Interesse am Schicksal Toms auf Geheiß eines hinter ihm und seinem Gepäck ebenfalls auf der linken Seite sitzenden Jungen (Paul), der eben den dunklen Kombi auf der linken Seite zwischen den meist drei Häuserreihen beziehungsweise dahinter, auf der Straße, gesehen hatte – obwohl sie also alle, die Pauls und Linas und Lisas (aber nicht Tom, der sich bestimmt an dem Spiel beteiligt hätte) riefen, das Auto, den Kombi, mit Tom drinnen!, gesehen zu haben, sprachen die Erzieherinnen immer nur von sich, dass sie den Kombi (die Eva) gesehen haben und so waren sie, die Erzieherinnen, sich einig, dass es also nun zu schaffen wäre für Tom beziehungsweise seine Mutter, die Eva, dass es eigentlich schon geschafft war und Tom gleich zusteige.

Auf den dann folgenden Kilometern drei und vier der Fahrt (aus Sicht der Kindergartengruppe beziehungsweise der Begebenheit), hätten die Diskussionen der Erzieherinnen durchaus ein Ende finden können – davon abgesehen, dass sie Toms Zusteigen und somit sein Schicksal sowieso zu keinem Zeitpunkt zu beeinflussen vermocht hatten oder hätten. Kurzum: Es war der dritte und entscheidende Haltepunkt für Toms Zusteigen, entscheidend, weil es der letzte Haltepunkt vor einer doch einige Kilometer mehr und zum vorläufigen Ziel der Kindergartengruppe (die Stadt), führenden Strecke war (eine Bundesstraße, wobei bis zum Beginn der Stadt auch eine Landstraße (die Landstraße) parallel zum Zug (nun rechts) entlangführte (die Bundesstraße erst links, dann rechts und zu keinem Punkt wirklich parallel zur Zugstrecke). Die war (die Landstraße) jedoch zum Halten und gar Herausfahren eines Vorsprungs auf den Zug völlig ungeeignet). Dass also Tom beim dritten Haltepunkt zusteigen musste, allein deshalb, weil ihn seine Mutter (die Eva) sonst bis zum vorläufigen Ziel in der Stadt gefahren hätte (dem Bahnhof) (ob Bundesstraße oder Landstraße wäre dann egal gewesen – es wäre aber sicher die Bundesstraße geworden), war allgemein und grundlegend klar. Wahrscheinlich selbst dem Lokführer, der bestimmt die Eva auch kannte und den dunklen Kombi links der Strecke gesehen hatte, auf dem ersten kurzen Stück Landstraße bereits oder durch die meist drei Häuserreihen zwischen Zugstrecke und Straße hindurch, oder auch wenn er sie nicht kannte, war ihm der Wagen etwa hundert Meter parallel links aufgefallen. Und dann hatte er sicher – davon war, denn das war sein Beruf, auszugehen – die immer gleiche Erzieherin (weißes Top, füllig) an den beiden Haltepunkten die gleiche Türe (hinten links) öffnen und sich umschauen, vielleicht auch einmal einen Schritt aus der schützenden Lichtschranke treten gesehen (ohne jedoch auszusteigen oder jemanden in Empfang zu nehmen). Schauen über seine Rückspiegel musste er ja auch immer, wenn eine Tür an einem Haltepunkt geöffnet wurde, um zu sehen, dass er sie wieder schließen konnte und niemand oder nicht etwa Gepäck auf dem Bahnsteig zurückbliebe (durch sein überhastetes und ungeprüftes Schließen der Türen). Außerdem kannte er diese Geschichten vom Zusteigen und dem Schicksal Toms oder Peters oder Leons bestimmt zuhauf. — Auf den nächsten beiden Kilometern zwischen Haltepunkt zwei und drei, auf denen also klar war, dass Tom nun zusteigen musste und er wahrscheinlich schon samt der Mutter Eva vor dem direkt am Haltepunkt abgestellten dunklen Kombi stand (sie, die Eva, hatte also anscheinend auch Haltepunkt Zwei nicht avisiert, eventuell, so mutmaßte die andere Erzieherin (hellblaues Top, grüne Cap und Sonnenbrille) über die immernoch durcheinanderbrüllenden Kinder hinweg, wegen einer neu installierten Baustelle im Ort von Haltepunkt Zwei (in der betreffenden Richtung noch vor dem Bahnhof), das hatte ihr ihr Mann gestern nach der Heimfahrt von der Arbeit erzählt (er arbeitete in der Stadt und fuhr erst die Landstraße parallel zur Zugstrecke und dann die schnellere Bundesstraße und also hinaus das selbe andersherum. Lange warten hatte er müssen an der Baustellenampel, etwa so lang, dass er insgesamt so lang für den Heimweg von der Arbeit brauchte, wie wenn er nur Landstraße gefahren wäre). — Während dieser zwei Kilometer steigerte sich das Prestige Evas wieder in dem Maße, in dem nun die Erzieherinnen sicher sein konnten, dass Tom zusteige. Je sicherer sie wurden und waren, desto klarer wurde und war ja nun auch, dass Haltepunkt drei die einzig logische Zusteigemöglichkeit gewesen war, von vorneherein und sowieso. Nun konnten sich die Erzieherinnen lachend auf die Stirn klatschen, ha, das sei ja logo gewesen, klaro, natürlich. Und nun war auch offenkundig, dass die Verspätung des dunklen Kombis (von der Eva gesteuert und mit dem Tom darin) überhaupt nur stattfand, damit sie, die Erzieherinnen, den richtigen Zustiegspunkt Toms auf der vier Kilometer und drei Haltepunkte umfassenden Strecke herausbekämen. Zumindest war der Faux-Pas Evas sicher nicht selbst verschuldet (vielleicht noch eine neue Baustelle, womöglich gar im eigenen Ort? Oder doch die Nachbarin, sicher die Nachbarin). Die Eva sei halt eben auch eine gute Mutter.

Als der Zug in den dritten Haltepunkt einfuhr (einige und somit alle Kinder hatten Tom schon mehrmals auf dem zwei Kilometer langen Teilstück an immer neuen Bahnhöfen rechts und links erspäht), stand tatsächlich ein dunkler Kombi auf dem Parkplatz, die Eva und der Tom davor, schon auf dem Bahnsteig stehend (das war nur ein Schritt aufs Pflaster vom Kies). Die Kinder hingen nun alle an den Fenstern (rechts, denn kurz vor dem Haltepunkt hatte die Straße die Zugstrecke gekreuzt), die Erzieherinnen standen an der Tür (auch rechts), die Eva hatte eine (tolle) neue Frisur und die Kinder sahen den Tom und der Tom sah die Kinder (auch den Paul, die Lina und die Lisa) und Tom stieg ein und nach dem (geprüften) Schließen der Tür war der Tom im Zug. Und er weinte und weinte und weinte und konnte nicht beruhigt werden.

Zeugenvernehmung T.

Zeugenvernehmung █████, T█████                                        VNr. ████████

 .

Mit dem Beschuldigten

K██████████████

bin ich nicht verwandt/verschwägert/verheiratet/verlobt.

 .

 .

◌ Weitere Beschuldigte siehe „Personaldaten Anlage“

 .

 .

Ich bin vor meiner Vernehmung über das Zeugnisverweigerungsrecht (§52 StPO) und über das Auskunftsverweigerungsrecht (§55 StPO) belehrt worden.

 .

Ich bestätige mit meiner Unterschrift, dass die o.a. Belehrung erfolgt ist und von mir verstanden wurde.

 .

 .

Ich will nicht aussagen.                                          T████████████

                                                                           (Unterschrift der Zeugin/ des Zeugen)

 .

 .

Zeuginnen und Zeugen, die dem Ermittlungsverfahren absichtlich die Unwahrheit sagen, um der oder dem Beschuldigten die Vorteile der Tat zu sichern und seine Bestrafung ganz oder teilweise zu vereiteln, setzen sich einer Bestrafung wegen Begünstigung (§257 StGB) oder Strafvereitelung (§258 StGB) aus. Sie sind – soweit erforderlich – hierauf und ggf. auch auf die §§145 d und 164 StGB hinzuweisen.

 .

 .

Zur Sache:

 .

 .

Nach mündlicher Vorladung erscheint der umseitig aufgeführte Zeuge ohne Begleitung auf hiesiger Dienststelle und will sich nach erfolgter Belehrung über die Wahrheitspflicht von Zeugen wie folgt zur Sache äußern:

.

Bei mir zu Hause wurde ich zu Beschädigungen an ███████████████████████████ befragt, unter anderem zur Verwendung des Kürzels ███, welches auch am Bahnhof ██████ zu finden sein soll. Da fielen mir zunächst die Graffitizeichnungen vom K████████ ein. Denn es hat sich im Ort herumgesprochen, dass er ██████ sprüht und auch am Bahnhof aktiv war. Dieses ██████ dürfte in irgendeiner Variante am Bahnhof zu sehen sein. Dass auch ██████ Schmierereien, die mit ██████████████████████████████ in Verbindung gebracht werden, am Bahnhof sind, habe ich bis zu meiner Befragung nicht gewusst.

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Frage: Was soll denn ██████ heißen?

Antwort: Das leitet sich wohl vom ███████████████████████████████ ██████████████████████████████████████, weiß ich nicht, vielleicht hört sich das besser an. Wenn mir mittlerweile Fotos vorgelegt wurden, die den Schriftzug ██████ zeigen, so erkenne ich hier wieder ████████████████████████. Das ist zweifelsfrei dem K█████████ zuzuordnen, zumal ich es vermehrt an █████████████████████ gesehen habe. Der hat wohl mal in einer Nacht die ganze ████████████ zugesprüht.

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Frage: Woher weißt du, dass der K█████████ die ███████████████ zugesprüht hat?

Antwort: Das spricht sich rum, mit ihm selbst habe ich nicht darüber gesprochen, ich sehe ihn nicht so oft.

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Frage: Aber es bestehen keine Zweifel, dass der K██████████████████████████████████████████ gesprüht hat?

Antwort: Welche Zweifel sollen daran bestehen, es ist kein Geheimnis, außerdem spricht ja ████████████████████████████████████████ dafür. Der K██████ entwickelt sich da immer weiter. Früher hat er z.B. ██████ gesprüht, das steht für ███████████████████████████, einen Vertreter der Cannabis-Szene.

Darüber hinaus der der K█████████ sich ████████████ darüber abfällig geäußert, dass jemand sein Piece ███████████████████████████ mit ███ übersprüht hat. █████████ „Wenn ich rauskrieg, wer mein Piece gecrosst hat, den mach ich kalt, das Bild hat mich 20 Euro gekostet“. Dieser Dialog brachte mich jetzt so schnell auf den Namen K█████████.

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Frage: Kann man an diesen Dialog rankommen, in welchem Forum ist er aufgetreten?

Antwort: Das Forum lautet ███████████████. Früher haben wir uns dort öfters ausgetauscht. Dieser letzte Dialog ist einige Wochen her. Da hat er auch mir gedroht und mich angemacht, ich würde diejenigen aus █████████ decken, die ███ auf sein Piece gesprüht haben. Allerdings habe ich keine Vorstellung, wer aus unseren Reihen ███ auf das Piece gesprüht hat. Den Dialog könnte ich auch nachreichen. Den VIP-Bereich, unter dem der betreffende Dialog abgelegt ist, kann man nur nach Freischaltung durch mich betreten.

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Frage: ██████ hat sich also zu ██████ entwickelt. Welche Bedeutung sollte das haben?

Antwort: Der K█████████ hat gern ein großes Maul und dürfte sich in dieser Sache wohl als Nr. 1 fühlen, dies könnte in der neuen Tag-Variante ████████ zum Ausdruck kommen. Er sprüht auch gerne Sterne und Kronen, um seinen Rang zum Ausdruck zu bringen. Dumm ist er ja in der Tat nicht, er besucht auch ███████████████████████████. Von daher hat er viele Kontakte nach ██████, wo er hauptsächlich als Sprayer tätig ist. Dort hält er sich auch viel ███████████████████████████ auf.

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Weitere Angaben kann ich nicht machen.

                                                                  Selbst gelesen, genehmigt und unterschrieben:

                                                                   T████████████████████████

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geschlossen:

█████████████████████

(Unterschrift, Amtsbezeichnung)

Raue Hügel

Wenn die Wippe kippt, wird er sicher noch etwas balancieren können, doch irgendwann strampelt er oben und rutscht langsam über die Stange. Er wird nicht mehr bestimmen können, wo es für ihn hingeht. Die Kraft, sich von der Erde abzustoßen, wird schwinden und das Wissen, dass man doch unweigerlich auf sie zurück muss, wird ihn zusätzlich beschweren. Träge wird er sein, Dinge wird er geschehen lassen müssen. Lange wird er da stehen, die Wippe zur fernen Erinnerung verkommen. Aber so ungewiss, dass da wirklich mal eine war, ist es nicht.

Kleiner wird er sich vorkommen und lang werden die Arme an ihm herabhängen, wie Pendel im Wind, und das Rückgrat wird langsam nachgeben, der Schwerkraft, der Erde. Der Kopf wird den Boden zuerst erreichen, die Hände nun in scheinbar übertriebenem Gestus in die Höhe gestreckt, die Finger verbogen in alle Richtungen. Jahrelang bleiben nur sie, die Finger, die im Wahn, alles zu tasten, sich an etwas festzuhalten und wieder in aufrechte Position zu bringen, sich in immer neuen Winkeln verbiegen und aus den Gelenken springen. Wenn er noch sehen könnte, wären seine Augen bis zum Zerreißen geweitet, doch sein Kopf ist, wie seine Füße bis annähernd zu den Knien hinauf, bereits mit der Erde verwachsen, verholzt.

Langsam, ganz langsam bewegt er sich nur noch, oder wird es nur ein leichter Wind sein, der durch die verdorrten Finger weht? Stück für Stück wird die Hüfte einklappen, werden die Übungen zu Lockerung und Steigerung der Beweglichkeit seinen Verfall beschleunigen. Im Winder wird er diese Verknappung seines Zustands anfangs vielleicht begrüßen können und in einen eher stoischen als störrischen Schlaf fallen, doch seine Vorfreude auf den Sommer wird zunehmend enttäuscht werden und also abnehmen und langsam, zusehends wird ihm auch im Juli frösteln und mit den Jahren wird selbst die Wiedergeburt des Frühlings einen fahlen Beigeschmack haben.

Als Betrüger wird er sich fühlen, und als Betrogener. Dass es nicht ewig weitergeht, hatte ihm keiner der Alten gesagt. Da die meisten ja nur noch ihre hinterrücks in die Höhe gereckten Finger bewegen konnten und viele schon soweit zusammengesunken waren, dass jede Vorstellung, dieser Zustand sei durch eine gewissermaßen natürliche, jahrelange Entwicklung erreicht und nicht durch ein Ereignis, etwa die Bestrafung einer besonderen Schuld, bedingt worden, nicht glaubhaft schien, war für ihn und für viele der Unterschied zwischen einem Alten und einem Baum nicht auszumachen. So kam es auch vor, dass Kinder in ihrem Übermut einzelne in die Luft gereckte Finger abbrachen und sie, Zweigen gleich, als Hilfsmittel für kleine Staudämme und andere Spiele im Freien nutzten.

So wird also auch er dort stehen und werden Kinder zunächst noch bei plötzlich einsetzendem Regen schutzsuchend unter seinen Bauch wie er unter einen solchen Bauch gekrochen war kriechen, und so wird schon nach wenigen Jahren der Platz zu eng werden und werden sich die meisten sowieso vor den Schauergeschichten fürchten, dass sich in den Gebilden manchmal ein Grollen erhebe und sie plötzlich zu rucken beginnen. So stehen er  und die Alten als Skulpturen ihrer Selbst, allein, verstreut über Dörfer und Wiesen.

Und einmal, viele Jahre, nachdem sich Igel in den zusehends schmaleren Räumen zwischen Bauch und Erde ihr Winterlager gebaut und sich Kinder beim Versteckspiel auf die kleinen nun mit Gras bewachsenen Hügel gestellt haben werden, wird er verstehen und verstanden haben wie sie es vor ihm und nach ihm verstehen und verstanden haben und es wird nichts mehr an die Schmerzen erinnern, an das Juchzen beim Hochspringen auf der Wippe, an die kalten Herbstwinde allein auf weitem Feld und an das Lächeln all jener, die das und das mit dem und dem geteilt haben und ein gutes oder schlechtes Leben hatten. Nur der Wind wird noch rauschen und ein fernes Kinderlachen über die rauen Hügel der offenen Ferne nach Hause tragen.

Kleine Genealogie des Traums 3

Früher war er immer eine Minute vor ihm, dem Wecker, aufgewacht. Nun wacht er immer eine Minute nach ihm auf. Das ist mehr Unterschied als zwei Minuten. Früher war er primus inter pares, klopfte ihm, dem Wecker feixend auf die Schulter, als der noch schlief. Nun: nichts mehr davon. Selbst die zweckmäßigste aller Beziehungen endet im Anschweigen des sich und des anderen. Ob der Wecker seinen Dienst überhaupt noch tut, weiß er nicht und braucht er auch nicht zu wissen. Aufwachen tut er auch so.

Da kann man nichts machen

Beim 2:0 bricht die für das Spiel installierte Sitzbank ein. Man rutscht nun stetig, aber fallen ist allein wegen der Vielen um einen herum nicht möglich. Die zweite Reihe, noch vor ihm und damit vor der ersten Stufe mit darauf gebauten und nun bereits schiefstehenden Sitzreihen, sieht nur etwas, wenn der Oberkörperfreie in der ersten Reihe den Bauch einzieht. Riesige Fahnen werden wie Schranken zwischen den Vielen aufgestellt. Alle halbe Minute wechseln sich die Schwenker ab, die Bewegung unten macht die Fahne oben erst mit, wenn unten bereits wieder die Gegenrichtung forciert wird. Alles von der Fahne sieht man nie, so ausladend kann geschwenkt nicht werden. Dann 2:1, noch kaum bemerkt, und der Ausgleich, 2:2. Verloren ist noch nichts, ein Tor reicht ja. Und tatsächlich: 3:2. Lang ist es nicht mehr. Doch die Angst des Führenden: Der Sieg des Gegners steht eigentlich bereits fest, ist mit seinem Rückstand beschlossene Sache geworden und muss nur noch ausgeführt werden. Also spielt nur der Gegner noch. Wer etwas zu verlieren hat, spielt, als ob er nichts gewinnen kann. Und natürlich: Der wiederum Ausgleich, 3:3. Nun auf den Rängen gegenüber kein Halten, und auf seiner, unserer Seite: Aufbäumen, nur noch er, für ihn, für uns, nur noch wir, wir spielen. Der Gegner ist nur noch zum Verlieren da. Doch natürlich: Er verliert nicht und somit verliert keiner, doch das Remis ist sein, unser Aus.

Auf dem Parkplatz Jagdszenen in kleinen Gruppen. Ein mittelalter Gegneranhänger mit Schal hält sich stöhnend den Mund, ein weiterer begleitet ihn zum Auto. Zwei Kleinbusse mit ausländischem Nummernschild werden umringt, die Fahrer zur Herausgabe der gruppenidentitätsstiftenden Fahne aufgefordert. Zügiges Anrücken von Sicherheitskräften, der Schwarm maskierter, dunkel gekleideter Anhänger seiner, unserer Seite verschwindet ebenso zügig im geschützten Bereich. Zurück bleiben am Boden liegende Außenspiegel, ein auf eine Motorhaube Gepinnter mit dunklen Locken und Tränen in den Augen – und in einem mit verängstigten Gegneranhängern gefüllten Kleinbus mit ausländischem Kennzeichen: die gruppenidentitätsstiftende Fahne. Schulterzucken im Dunklen. Da kann man nichts machen. Der Regen ernährt den Matsch und macht alle so schwer, wie er sich fühlt, wie wir uns also fühlen. 0,5 Liter Alkohol kosten einen Euro.

Kleine Genealogie des Traums 2

Träume, die weder etwas mit anderen Träumen noch mit den Ereignissen des Tages zu tun haben und nichts hinterlassen als einen bittersüßen Schmerz: Wie ein Film, den man alle paar Jahre sieht, der einen an die Jugend erinnert und der all die Jahre zwischen dem jeweiligen Filmschauen auf die bittere Dimension ihrer Länge reduziert: Wie man diesen Film, diesen Traum, dieses schmerzliche Lied, von dem man nur einen Teil des Refrains, ein Stück Melodie im Kopf hat, krampfhaft wiederholt und nicht wahrhaben will, dass das Lied, die Jugend, der Traum: dass das alles, wenn man aufhört es zu wiederholen, dass dieser greifbare Teil des Bettlakens, das man, der Höhle der Kindertage gleich, schützend über sich spannen will um alles Wissen, alle Erinnerung darunter zu bergen, verschwinden wird: Verschwinden wird, weil der Schmerz, sobald man aus dem Bett steigt, in Schwindel übergeht und weil man nicht mehr in die Kleider seiner Jugend steigt und weil der Wind des geöffneten Fensters die Melodie hinwegträgt und weil es keine, keine Hoffnung gibt.

Kleine Genealogie des Traums 1

Wenn er langsam aufwacht, sieht er im Traum nichts mehr. Der Traum dreht sich dann auch nur noch darum, dass er nichts mehr sieht. Er, der Traum schützt sich davor, dass man, also er, zuviel in die wache Welt mitnimmt. Sobald der Traum merkt, dass man nicht mehr ganz in ihm ist, egal, ob man das will oder nicht, macht er, der Traum, zu. Und je mehr man, also er, sich anstrengt, den Traum und sich in ihm, dem Traum, wieder sichtbar zu machen, desto wacher wird er, desto weniger wird der Traum ihm gestatten. Obwohl man, also er, ja weiß, wie das funktioniert. Er weiß: Es ist ein Moment der Schwäche. Der Trotz, die Hoffnung: der Traum sei noch nicht vorbei. Aber wann ausgeträumt ist, entscheidet man, also er, nicht selbst. Es ist nicht einmal sicher, dass das der Traum entscheidet. Selbst Alpträume, die sich immer wiederholen und in der selben Einstellung abbrechen: Es ist ja nicht gesagt, dass der Traum sich gerne wiederholen möchte, wieder und wieder, ohne Fortkommen und Auflösung. Ein Alptraum ist ein Vorwurf und gleichzeitig ein Eingeständnis. Ohne, dass man nicht irgendwo doch wüsste, warum man, also er, ihn träumt, träumte er ihn auch nicht. So weicht weder die Angst vor dem Tage der Angst vor der Nacht noch umgekehrt. Hellwach ist er jetzt.

Herbst

Was bleiben wird, sind ein paar Fotos, ein Album, vielleicht zwei. Erinnerungen, ja. Doch auch die werden verblassen. Und mit wem wollen sie geteilt sein, in einer anderen Zeit, in die nichts mehr hineinragt als Fragmente von ihm, alt, verbraucht, leer oder voll – das ist einerlei – aber einsam. Alles, was nicht nach wenigen Tagen geputzt ist, ist irgendwann verblasst oder ersetzt, Häuser sind neu gestrichen oder abgerissen und die Herbstblätter im Park haben den Boden schon unmerklich, aber unaufhaltsam angehoben. Irgendwo, wo der Zufall es will, wird ihm ab und zu noch ein Stück Vergangenheit entgegenragen, ein Schriftzug, ein Strich, wie ein Gruß aus einer anderen Zeit. Und er wird flüchtig vorbeigehen, nur scheu schauen, sich aus altem Reflex beobachtet fühlen. Oder vielmehr doch stehen bleiben, versinken, die Hände in den Taschen, denn Herbst wird sein. Suchen wird er, mit den Augen über das Bild huschen, über den fast kontrastlosen Strich, nach dem Teil von sich, der schon solange darin steckt, bis zu diesem Tage, eine Zahl an Jahren, für die seine Finger schon lange nicht mehr reichen. Und er wird mit den Fingern die Linie entlangfahren, gebannt, unfähig, den Blick zu lösen. Ja, schwach wird er sein in solchen Momenten, so verletzlich wie es ihm schon immer klar hätte sein sollen. Zu wissen, alles ins Nichts zu schreiben, hat ihn abgehärtet. Auf das Nichts ist er eingestellt, damit hat er gelebt. Aber das genau dieses geblieben ist, hier, jetzt? Und als wäre es das erste mal, wird alles wiederkommen, ihn anrauschen wie der Herbstwind, und er wird stehen, im Wind, und wie früher wird ihm wohl werden im Frösteln. Ja. Sein Telefon wird in der Tasche vibrieren, Papa, holst du uns heute nicht ab? Und er wird seine Kinder an sich drücken und ihnen sagen, wie stolz er auf sie ist und wird zuhause beim Abendessen die Hand seiner Frau halten und mit den Kindern scherzen und in tiefen, ruhigen Zügen schlafen.

Doch das alles zählt jetzt nichts. Er zieht den Strich zuende, denn es ist nur ein Strich von Tausenden, und er steckt die Hände in die Taschen, denn es ist Herbst.

Er und Sie

I

Hallo, sagte der Vater, komm doch rein. Hallo, sagte er, danke. Man ging nach einem sicher nur einseitig verspürten Befangenenheitsmoment an den Familienbildern vorbei und setzte sich ins Wohnzimmer. Das war das Zimmer der Mutter und so saß sie schon da. Er traute sich die Frage, von der allen klar sein musste, dass er sie stellen würde, die Frage, die in ihrer Selbstverständlichkeit eigentlich garnicht zu stellen war,  die Frage, die mit seinem Eintritt auch bereits den Raum betreten hatte und nun mit ihm in diesem, dem Raum, stand, nicht auszusprechen. Mutter und Vater bemerkten nichts. Er hatte sich abgewöhnt, zu glauben, sie taten nur so. Sie taten niemals nur so weil sie immer so waren wie sie waren und sie waren wie ihre Räume: eine Symmetrie, die die Ungleichheit und damit das Problem und damit die Sache an sich auflöste. Hier bestand alles aus solchen Symmetrien. Man musste sich in einen dauerhaften Alarmzustand zwingen, um das Anliegen und damit die Frage und damit sich in dieser geometrischen Geborgenheit nicht zu verlieren. Na, was treibt dich zu uns, fragte der Vater. Die Mutter saß, die Beine angewinkelt aufs Sofa drapiert, an seiner Schulter wie die Gespielin eines Pharaos. Nicht, dass sie aus Langeweile oder Höflichkeit dasaß, sie schien weder mit etwas anderem noch übermäßig mit ihnen beschäftigt. Sie saß einfach so da, als sitze man so. Man musste denken, sie freue sich ganz persönlich über seinen Besuch und sich dann auch freuen. Er sagte: Nun, nichts Bestimmtes, und wurde von der hinter den Herbstwolken hervorspringenden Sonne ertappt. Schön, meinte die Mutter. Der Vater drehte ihr den Kopf zu und sagte dann: Ja, schön. Und beim Zurückdrehen: Wie gehts dir denn so?

II

Obwohl er wusste oder zumindest nach der Vorstellung handelte, dass an und in diesem Haus alles gleichermaßen unaffektiert und ehrlich war, wusste er oder handelte er zumindest nach der Vorstellung, dass sich nur eine Antwortmöglichkeit bot: Natürlich ging es ihm gut und je ehrlicher die Frage gestellt war, desto ehrlicher und tiefer musste sein Gutgehen in diesem Moment ausfallen. Gut geht es mir, sagte er also, sehr gut, danke. Der Vater: Ja, das sieht man dir an, Kumpel. Die Mutter vollführte einen Augenaufschlag wie eine Katze oder ein Laubbaum: Ja, finde ich auch. Ihre Hand zog der Vater auf sein Knie, das, wie immer, wenn er saß, im rechten Winkel eingerastet schien. So saß man. Der Sohn war heimgekommen, hatte sich an den Esstisch gesetzt, zu Mittag gegessen und sich nach dem Verstauen des Geschirrs nun wieder an seinen, zuvor genutzten Platz begeben. Vater und Mutter und also auch er hatten sich dazu gesetzt. Nun schien die Familie komplett, wie sie es immer schien, egal, ob nur einer, einige oder alle beisammen waren. Stets war die sich durch Dazutreten oder Entfernen einer oder mehrerer Personen ergebende Konstellation diejenige, von der zu ahnen nicht möglich gewesen war, dass sie und nur sie die nun objektiv richtige sein musste. So auch jetzt: Die Familientrias hatte sich zu einem gleichschenkligen Dreieck geformt und saß ihm, der Vater in der Mitte, gegenüber am Esstisch.

III

Flachwurzler, dachte er. Flachwurzler, die nach einem heftigen Sturm die Wurzeluntertasse nach oben voran wie ein Fehler der Natur ungerührt herumliegen. Tiefwurzler brechen entweder entzwei oder aber bleiben trotzig stehen; Flachwurzler jedoch bleiben selbst dann von allem unberührt, wenn sie schon umgefallen sind; ihre Wurzeln ragen stur in den Himmel, als sei nichts geschehen oder als sei es die neueste Mode. Sie bemerken sicher nicht einmal, dass sie gefallen sind und nun da liegen. Die Baumkrone sieht ja weiterhin nur den Wurzelteller unter sich, der kurzerhand mit aus der Erde gebrochen ist. Und die Nähe zur sonstigen Erde wird eine Krone sicher als Laune der Natur, die man gütig wegsteckt, verbuchen. Für solche Flachwurzler, die mit der Welt nur so oberflächlich in Verbindung stehen, dass diese sie nicht einmal zu brechen vermag, ist ihre eigene Realität immer die absolute Realität. Genau genommen stecken sie nicht auf und in der Erde, sondern andersherum organisiert sich diese um sie herum. Und wenn ein Flachwurzler überlegt, sich liegend auszuruhen und die Erde dabei nicht nachkommt, dann kann das groteske Bild sicher kaum dem Flachwurzler zur Last gelegt werden.

IV

Erschrocken stellte er fest, dass er sich unterhielt. „Ja, ganz recht“, sagt er nun, geradeaus zum Vater hin, und hoffte, keine ruckhafte Gemütsregung zu zeigen. Wie weit das Gespräch fortgeschritten war oder über was gesprochen wurde, war nicht auszumachen. Auch sich umzuschauen war ihm nicht möglich, alle Kraft hatte er aufzuwenden, den Blick des Vaters zu erwidern. Sein, des Vaters, Gesicht verriet nichts. Auf ihn wirkte es, als sei längs über es, mitten über Haare, die Nase und den Mund teilend, eine nicht sichtbare Linie gelegt worden. Falten wollen hätte das Bild vor ihm dort entlang, so symmetrisch war es, waren die Seiten seines, des Vaters, fast kubistisch verschachtelten Gesichts. Unvorstellbar, dass sich eine einzelne Braue in diesem Gesicht eigenmächtig erheben würde, um ihr Unverständnis auszudrücken. Der Vater verstand alles in seiner Welt, und seine Gesichtszüge wussten das. Seine ihm zur Seite sitzende Familie wohl auch. Wahrscheinlich verstanden sie selbst alles. Sie hingen an seinen, des Vaters, Lippen, der Sohn rechts, die Mutter links von ihm. Keiner von beiden brachte sich in das Gespräch ein, es standen auch weder er noch sie auf. Nicht, dass es ein Zwang gewesen wäre, sitzen zu bleiben; nicht, dass sie gegenteilig teilnahmslos im Raum herumstierten. Es schien vielmehr das Selbstverständlichste und Schwereloseste, dort so zu sitzen, wie sie es taten, während die Wände um sie herum immer deutlicher verliefen.

V

Dann war es geschehen, er erschrack, zuckte, war schon im Gehen, bevor er ganz aufgestanden war. Ach, ganz vergessen habe er das, völlig vergessen. Seine Deckung brach, alles stob auseinander, Bäche rannen ihm am Körper entlang, die Sonne kollabierte. Auf Wiedersehen, sagte der Vater. Ganz bestimmt, sagte er und verschwand nach einem Händedruck über die Holztreppe, die wie immer keinen Laut von sich gab. Dass sie ihm da entgegen kam, nahm er schon garnicht mehr wahr.

Das Gerücht

Man habe ein Gerücht über ihn gehört. Unruhe sei entstanden, zuerst nur murmeln, dann Blicke. Natürlich wisse jeder, dass an dem Gerücht nichts dran sei. Aber trotzdem. Etwas von einem Gerücht bleibe immer hängen. Wo es herkomme? Wisse er nicht. Auch nicht, was das Gerücht besage. Nur, dass es da ist. Über das Gerücht werde ja auch nicht gesprochen. Nur darüber, dass es eins gibt, über ihn. Wie sich nun zu verhalten sei? Annehmen solle er das Gerücht, sich schuldig erklären, sich von der Gruppe absondern. Und mit ihm das Gerücht. Irgendwann würde er sie vergessen haben, so wie sie ihn vergessen haben werden. Da nahm er seinen Hut und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Leute schauten halb aus ihren immerwährenden Gesprächen auf, klopften ihm auf die Schulter, zwinkerten ihm zu. Da kann man nichts machen, Kumpel. Auch nach einer Zigarette wurde er gefragt. Manche weinten. Als die Tür geschlossen war, waren sie bereits anderen Dingen zugewandt.

Die Tür

Als er heim kam, musste er nur noch die Tür schließen, wieso ein Problem. Als er es das erste mal versuchte – er achtete gar nicht darauf, so wenig, dass er danach nicht einmal überprüft hatte, ob sie denn auch zu sei, die Tür, und man muss nicht tief in Gedanken versunken sein, um eine Tür, ohne darauf zu achten, zuzumachen, zumal davon abgesehen, dass aus Sicht der Sicherheit, und das war die Sicht, die er im Bezug auf seine Tür und ihr Schließen einzunehmen gewohnt war, dieses Schließen gar nicht einer konkreten Bemühung um dieselbe, die Sicherheit, sondern vielmehr der allgemeinen Gewohnheit entsprang und also desto mehr Ritus denn Sonstiges war – als er es also das erste Mal versuchte, hatte er die Tür nicht geschlossen, sondern sie nur zur anderen Seite geöffnet, war mit ihr durch sie hindurch gegangen und stand nun gegenüber. Das hatte sich ein paar mal wiederholt und da er sich erst nach nicht mehr nachvollziehbarer Versuchsziffer vollends über seine Tätigkeit klar wurde, wusste er nicht mehr, ob er gerade draußen oder drinnen stand. Das war ja nur, nur durch die Tür zu entscheiden. Ratlos, stand er da, die Tür in der Hand. Ging, um die Situation nochmals zu prüfen, einmal, zweimal, sie dabei mitnehmend, um die Tür und stand wieder am Anfang, betrachtete alles genau, kam zu keinem Schluss. Die Tür blieb offen. Zu einem Nachbarn gehen konnte er nicht, ein Mann, der seine Tür nicht schließen kann! Und hätte einen Nachbarn aufsuchen unweigerlich weitere, größere Probleme mit sich bringen müssen, etwa wo sich dieser befände, wie mit ihm umzugehen sei unddergleichen. Also stand er da, bei seiner Tür, sorgsam schauend. Weder wehte etwa Wind von der einen Seite durch sie, die Tür, hindurch, also hinein, und selbst wenn Wind geweht hätte, was aber noch nie der Fall gewesen war, wäre ein Hinaus- statt Hineinwehen des Windes nicht ausschließbar gewesen, zumal wer wollte das entscheiden! Noch war möglich, durch Betrachtung des Schattenwurfs oder Ähnliches seine Position im Bezug zur Tür zu bestimmen, blitzte doch, wenn er aufblickte, von überall, woher, also überall, Licht kam, nur indirektes Gleißen zurück. Er war froh, dass er oben und unten noch unterscheiden konnte. Da lachte er laut und traurig und schloss die Tür und wusste, dass er drinnen war.

Nach wie vor

Wenn er um die Ecke gebogen ist, ist schon alles geschafft. Er ist wieder siebzehn, stellt den Stoffbeutel in den kleinen Schuppen zwischen Haus und Straße. Er fährt zu einem Freund, stimmt ja auch, hat extra die neuen Klamotten an, da kann nichts zu befürchten sein. Er holt betont schnell das Rad aus dem Keller, kommt sogar nochmal direkt nach oben, sagt etwas vermeintlich Wichtiges und fährt dann hörbar los, sodass die Mutter, wenn sie nicht gar am Fenster stehend nachwinkt, doch mit dem Vater bejahende Blicke austauschen muss. Dann – er – ohne Rad zurück, in den schwarzen Schuppen, lautlos die inzwischen kalte Kleidung übergestreift und, die Riemen des Stoffbeutels eng fassend, ohne für den Rest der Straße zu existieren, wieder aufs Rad und in die Nacht. Ich sags euch, wie ein König.